Kapitel 0: Warum ich Fotografie liebe – und warum diese Serie zum Fotografierenlernen anders wird
Dieser Artikel ist der Einstieg in eine Serie über Fotografie, die tiefer geht als Technik – über Wahrnehmung, Bildsprache und das, was ein Foto wirklich wirken lässt.
Ich habe ganz zufällig mit der Fotografie angefangen. Es war nicht mal freiwillig – als Jugendlicher nervte mich mein kleiner Bruder in einem Frankreich-Urlaub so lange, bis ich es einfach mal versuchte. Zumindest habe ich es so in Erinnerung.
Seitdem ließ es mich nie mehr los.
Ich hatte als Jugendlicher wenig Selbstbewusstsein. Dazu begleitet mich mein ganzes Leben das Anderssein, nicht verstanden zu werden, die damit resultierende Einsamkeit und eine Abwesenheit, die den Alltag erschweren kann. Fotografie wurde früh zu einem Anker meines Lebens.
Schon bei meinen ersten Aufnahmen merkte ich, dass ich dafür ein Gefühl hatte. Es war ein Sonnenuntergang in San Sebastián, damals noch mit einem alten Handy aufgenommen – aber das Bild hatte Stimmung. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, etwas gut zu können, das mich wirklich interessiert und nicht nur funktioniert.
2020 entdeckte ich das Hobby wirklich für mich. Ich startete mit Aufnahmen in meiner Umgebung – eine Vorstadt von Düsseldorf mit Wald außenrum. Ein unbeschreibliches Gefühl. Im Wald bekam ich immer eine Reizüberflutung und war total überfordert. Aber mit Kamera konnte ich versuchen, die Magie des Waldes einzufangen – die schönen Lichter, die Tiere, alles. Auch zuhause bei der Bearbeitung konnte ich mich noch darin vertiefen.
Wie Fotografie die Wahrnehmung verändert
Mit einer Kamera in der Hand durchläuft man die Welt ganz anders. Der Unterschied ist: man muss die Welt wahrnehmen und nach tollen Motiven suchen. Details wie Farben, Strukturen, Lichter, der Charakter des Ortes fallen einem ganz anders auf als wenn man denselben Ort nur durchläuft. Man ist wie auf einer Schatzsuche.
Mit der Zeit habe ich gelernt, nicht nur Schönes aufzunehmen. Ich bin irgendwann zufällig auf die Idee gekommen, das Hässliche und Triste schön aufzunehmen – etwas Schönes und Stimmungsvolles in traurigen Hochhausvierteln oder verranzten Hafengebieten zu finden. Die Sichtweise auf die Welt kann das ganze Leben verändern. Je nachdem wie man sie sieht, macht sie das ganze Leben wundervoll – oder im schlimmsten Fall grauenvoll.
Fotografie ist eine Sprache ohne Wörter – etwas Visuelles und Einzigartiges. Sie kann einen Ort festhalten, wie man ihn gesehen hat – aber sie kann ihn auch ganz anders darstellen. Zum Beispiel in einer Nachtaufnahme, die Details und Farben zeigt, welche das menschliche Auge gar nicht mehr wahrnimmt. Oder im totalen Weitwinkel oder Teleobjektiv, das ganz andere Sichtweisen auf die Welt erzeugt.
Zudem sind immer Gefühle dabei, da man nur den Ort aufnimmt, den man mag, und nur auf die Art und Weise, wie man ihn mag. Deshalb ist es etwas sehr Persönliches. Sie zeigt deine persönliche Sicht auf die Welt.
Fotografiere was du fühlst und genauso wie du es fühlst.
Ich musste letztens in Paris den Fotorucksack im Hotel lassen, da er zu groß für den Louvre gewesen wäre. So war die Kamera den ganzen Tag in meiner Hand. Ins Louvre konnten wir trotzdem nicht – aber dafür gab es etwas ganz anderes.
Eine Metrostation in einem Pariser Vorort sah sehr interessant aus. Die Kamera war direkt in der Hand, also legte ich einfach los mit ein paar minimalistischen Aufnahmen der brutalistischen Architektur. Die Belichtungszeit war relativ lang, also gab es viel Spielraum für Verwacklungen – die man beim richtigen Nutzen auch Dynamik nennen kann.
Ein Zug fuhr ein. Ich bewegte die Kamera einfach mit. Reaktion: einfach „Wow, cool“.
Daraus entstand eine ganze Serie, die den ganzen Tag füllte. Ich hielt die Kamera vor ein dreckiges Fenster und fotografierte Stationen der Metro. Auf einer Brücke die Hochhausviertel, leicht verwackelt. Dazu auch viel mehr – einfach völlig unscharf, aber es war richtig cool und hat den Blickwinkel auf die Welt nochmal verändert. Die Umgebung kann nicht nur statisch schön aussehen, sondern auch total verwackelt und in Bewegung eine ganz andere Geschichte erzählen.
Warum diese Serie anders sein wird
Nach meinem misslungenen Bachelorfilm im Filmstudium – der mich meine Gesundheit und Psyche gekostet hat – freute ich mich einfach ein paar Fotografie-Bücher lesen zu können. Man zahlt über 30€ im Schnitt und es war immer frustrierend: oberflächlich, für Anfänger gedacht, ohne wirkliche Tiefe.
Ich lieh mir in Büchereien Bücher aus und schaute mir jedes an – aber es gab nur ein, zwei, die es wirklich drauf hatten, etwas beizubringen. Und auch diese waren alle für Anfänger gedacht.
Ich werde auch ein paar Kapitel für Anfänger haben. Aber ich möchte lieber wirklich tiefgreifendes Wissen vermitteln – andere und wichtige Ebenen der Fotografie, die Psychologie, das Unterbewusstsein und kleine Tricks beleuchten, welche fernab vom Goldenen Schnitt, von Komplementärfarben oder einem Sonnenuntergang liegen.
Da fängt ein schönes Foto an – aber Fotografie ist eine Welt, die ich mit euch bis aufs kleinste Detail erkunden möchte.
Ich möchte neben guten Fotos wirklich eine gute Bildsprache vermitteln – eine, die einzigartig ist und neben einem guten Schnappschuss auch einen guten Fotografen machen kann.
Dazu möchte ich auch aus meinem knapp dreijährigen Filmstudium, wo ich mich tief mit der Lichtgestaltung auseinandergesetzt habe, einiges auf die Fotografie übertragen. Es macht nicht unbedingt einen anderen Look, sondern Fotografie mit viel mehr Qualität, Verständnis und Vielseitigkeit – und macht die Bilder emotionaler, tiefer, schöner und verständlicher.
Ein Foto kann nur ein Foto sein. Aber wenn man es möchte, wird dieses Foto zu einer wirklichen Welt.
Genau deshalb fange ich mit einem Thema an, das fast jeden Fotografen schon einmal frustriert hat: flache Fotos.